Fahrwerksprobleme entwickeln sich oft schleichend und bleiben unbemerkt, bis sie das Fahrverhalten, den Reifenverschleiß oder die Stabilität beeinträchtigen. Diese Schritt-für-Schritt-Anleitung führt durch den kompletten Diagnoseablauf mit Handwerkzeugen und Ihrem eigenen AutoSolo Messgerät, ganz ohne teuren Achsmessstand.
Werkzeuge, die Sie brauchen
Erforderliche Werkzeuge
- AutoSolo Sturz- und Nachlauf-Messgerät (ASCGAL, ASDCG203 oder ASCCKG)
- Rangierwagenheber
- Unterstellböcke (2 oder 4)
- Maßband
- Montierhebel
- Reifendruckprüfer
- Ebene Fläche: Garagenboden, betonierte Einfahrt oder Werkstattboden
Optional, aber hilfreich
- Drehteller, empfohlen für die Nachlaufmessung in Schritt 7
- AutoSolo Auffahrrampen, eine Alternative für zu Hause zu den Drehtellern der Werkstatt
- AutoSolo ASSTL1 Lenkrad-Nivelliergerät
- AutoSolo ASSWH1 Lenkradhalter
- Taschenlampe
- Notizblock oder Handy, um Messwerte festzuhalten
Schritt 1: Auf einer ebenen Fläche parken und das Fahrzeug vorbereiten
Eine gute Fahrwerksdiagnose beginnt damit, eine stabile und neutrale Ausgangslage herzustellen. Wer sich die Zeit nimmt, das Fahrzeug richtig vorzubereiten, vermeidet falsche Schlüsse und bekommt Messwerte, denen er trauen kann.
Räder und Reifen prüfen
Prüfen Sie vor jeder Messung alle vier Räder und Reifen:
- Felgen auf Schlag oder Risse prüfen
- Reifen auf Beulen, starken Verschleiß oder ungleichmäßige Verschleißbilder prüfen
- Prüfen, ob alle vier Reifen dieselbe Größe haben und in ähnlichem Zustand sind
Wichtig: Diese Punkte müssen geklärt sein, bevor Sie die Achsvermessung prüfen. Eine verzogene Felge erzeugt falsche Sturzwerte.
Eine wirklich ebene Fläche wählen
Meiden Sie abschüssige Einfahrten, unebenen Asphalt, Schotter oder geneigte Stellplätze. Schon kleine Neigungen verschieben die Gewichtsverteilung und erzeugen irreführende Werte für Fahrzeughöhe und Sturz. Nehmen Sie im Zweifel eine digitale Wasserwaage auf den Boden, um sicherzugehen, dass er eben ist.
Tipp: Wenn Sie Drehteller haben, fahren Sie die Vorderräder jetzt darauf. Sie werden für die Nachlaufmessung in Schritt 7 gebraucht.
Kurzer Einfedertest (Vorprüfung)
Drücken Sie den Kotflügel über jedem Rad kräftig nach unten und lassen Sie los. Das Fahrzeug sollte gleichmäßig hochkommen, sich innerhalb einer Schwingung wieder setzen und stehen bleiben. Federt eine Ecke weiter nach oder schwingt sie aus, ist der Stoßdämpfer an dieser Ecke wahrscheinlich verschlissen. Notieren Sie das für die genauere Prüfung in Schritt 9.
Reifendruck prüfen und angleichen
Prüfen Sie mit einem Reifendruckprüfer alle vier Reifen und stellen Sie sie auf die Herstellervorgabe ein, bei den meisten Pkw typischerweise 2,2 bis 2,5 bar. Der genaue Wert steht auf dem Aufkleber im Türrahmen der Fahrerseite oder in der Betriebsanleitung. Ein Reifen mit 0,7 bar Unterdruck kann diese Ecke des Fahrzeugs so weit absenken, dass fälschlich ein Fahrwerksproblem angezeigt wird.
Die übliche Gewichtsverteilung nachstellen
Die Gewichtsverteilung beeinflusst die Fahrwerksgeometrie. Stellen Sie die übliche Beladung mit Insassen nach, lassen Sie das übliche Gepäck im Fahrzeug und achten Sie darauf, dass der Tank etwa halb voll ist. So bilden die Messwerte den tatsächlichen Betriebszustand ab und nicht einen leeren Ausgangszustand.
Das Lenkrad zentrieren
Das Lenkrad muss vollständig zentriert sein, bevor Sie irgendeine Messung vornehmen. Schon ein kleiner Lenkwinkel verändert Sturz- und Nachlaufwerte und kann zu falschen Diagnosen führen.
- Setzen Sie sich auf den Fahrersitz.
- Setzen Sie das AutoSolo ASSTL1 Lenkrad-Nivelliergerät auf das Lenkrad.
- Drehen Sie das Lenkrad langsam, bis die Libelle mittig steht.
- Prüfen Sie mit dem Auge, dass die Vorderräder geradeaus zeigen.
Tipp, elektrische Servolenkung: Manche Fahrzeuge mit elektrischer Servolenkung verlangen einen laufenden Motor, damit sich das Lenkrad bewegen lässt. Manche EPS-Systeme verstellen das Lenkrad zudem leicht, wenn der Motor abgestellt wird. Hat Ihr Fahrzeug eine elektrische Lenkung, zentrieren Sie das Lenkrad bei laufendem Motor und rollen Sie das Fahrzeug nach dem Abstellen etwa 30 Zentimeter vor oder zurück, um Lenkung und Fahrwerk zu entlasten.
Das Lenkrad arretieren
Sobald es zentriert ist, setzen Sie den AutoSolo ASSWH1 Lenkradhalter zwischen Lenkrad und Fahrersitz. Stellen Sie ihn so ein, dass er festen Druck ausübt. Schon eine kleine Lenkbewegung kann die Sturzwerte um mehrere Zehntelgrad verändern, genug für eine Fehldiagnose.
Das Fahrwerk vollständig setzen lassen
Wenn das Fahrzeug geparkt, zentriert und gesichert ist, warten Sie etwa 1 bis 2 Minuten, damit sich Fahrwerksteile, Buchsen und Federn in ihre wahre statische Lage entspannen können. Für möglichst gleichmäßige Messwerte rollen Sie das Fahrzeug vorsichtig 30 bis 60 Zentimeter vor und zurück, sichern es erneut und lassen es sich wieder setzen.
Schritt 2: Fahrzeughöhe an allen vier Ecken messen
Die Fahrzeughöhe ist einer der wichtigsten frühen Hinweise auf den Zustand des Fahrwerks. Federn tragen das Gewicht des Fahrzeugs, und die Fahrwerksteile halten seine Lage. Wenn Federn nachlassen, Bauteile sich verbiegen oder Buchsen verschleißen, steht das Fahrzeug nicht mehr gleichmäßig.
Warum die Fahrzeughöhe zählt
Die Fahrzeughöhe beeinflusst die gesamte Fahrwerksgeometrie. Ändert sie sich, verändert sie Sturzwinkel, Nachlaufwinkel, Spurwinkel und den Federweg. Damit ist sie ein entscheidender erster Diagnoseschritt, bevor Sie Sturz und Nachlauf messen.
So messen Sie die Fahrzeughöhe
Messen Sie mit einem Maßband vom Boden senkrecht bis zum höchsten Punkt des Radlaufs (Kotflügelkante) direkt über der Radmitte.
- Stellen Sie sich direkt neben das Rad.
- Setzen Sie das Ende des Maßbands flach auf den Boden neben dem Reifen.
- Ziehen Sie das Band senkrecht nach oben.
- Messen Sie bis zum höchsten Punkt des Radlaufs direkt über der Radmitte.
- Notieren Sie den Messwert.
Wiederholen Sie das an allen vier Rädern: vorn links, vorn rechts, hinten links, hinten rechts. Messen Sie so senkrecht wie möglich. Messen Sie nicht schräg.
Genauere Messwerte: Wenn sich die Reifen in Größe oder Verschleiß unterscheiden, messen Sie stattdessen von der Mitte der Radnabe bis zur Oberkante des Radlaufs. Das nimmt den Reifendurchmesser als Variable heraus und gibt Ihnen einen gleichmäßigeren Wert für die tatsächliche Fahrwerkslage.
Messwerte festhalten und vergleichen
Vergleichen Sie immer seitenweise (links gegen rechts). Unterschiede zwischen vorn und hinten sind konstruktiv normal und weisen nicht auf ein Problem hin.
Beispielwerte. Vorn links: 69,9 cm. Vorn rechts: 69,6 cm. Hinten links: 71,1 cm. Hinten rechts: 68,3 cm. Seitliche Differenz hinten: 2,8 Zentimeter. Das deutet stark auf ein Fahrwerksproblem an der rechten hinteren Ecke hin.
So deuten Sie Unterschiede in der Fahrzeughöhe
| Seitliche Differenz | Bewertung |
|---|---|
| 0 bis 0,8 Zentimeter | Sehr gut, Fahrwerk wahrscheinlich in Ordnung |
| 0,8 bis 1,3 Zentimeter | Akzeptabel |
| Mehr als 1,3 Zentimeter | Mögliches Fahrwerksproblem, weiter untersuchen |
Schritt 3: Erste Sturzmessung durchführen
Das ist der erste Messschritt. Sturz ist der Winkel, in dem sich das Rad zur Senkrechten nach innen oder außen neigt, von vorn auf das Fahrzeug gesehen. Die Sturzmessung liefert sofort eine Ausgangsbasis und zeigt eine Fahrwerksasymmetrie, die bei der Sichtprüfung womöglich nicht auffällt.
Warum die Sturzmessung entscheidend ist
Das Fahrwerk ist darauf ausgelegt, auf beiden Fahrzeugseiten gleiche Sturzwinkel zu halten. Wenn sich Bauteile verbiegen, verschleißen oder verschieben, ändert sich der Sturz als direkte Folge. Eine Sturzdifferenz kann hinweisen auf:
- Verbogene Querlenker
- Verbogene Federbeine
- Verschlissene oder zusammengefallene Buchsen
- Verbogener Achsschenkel
- Verschobener Hilfsrahmen
- Strukturschäden durch Schlaglöcher, Bordsteine oder Unfälle
- Sturzeinstellung außerhalb der Vorgabe (bei Fahrzeugen mit einstellbarem Sturz)
So messen Sie den Sturz mit dem AutoSolo Messgerät
AutoSolo bietet mehrere Modelle von Sturz- und Nachlauf-Messgeräten an. Das Grundprinzip ist immer gleich: Das Messgerät muss fest an einer wirklich senkrechten Bezugsfläche der Radeinheit sitzen, üblicherweise über den AutoSolo Radklemmen-Adapter oder direkt an der Bremsscheiben- oder Nabenfläche.
- Sehen Sie in der Anleitung Ihres konkreten AutoSolo Sturz- und Nachlauf-Messgeräts nach. Achten Sie darauf, dass es richtig genullt und eingestellt ist.
- Befestigen Sie das Messgerät an der Radeinheit, über den AutoSolo Radklemmen-Adapter, an der Bremsscheiben- oder Nabenfläche oder mit der modellspezifischen Halterung.
- Achten Sie darauf, dass das Messgerät fest sitzt und plan an einer sauberen, ebenen Fläche ohne Schmutz, Rost oder Hindernisse anliegt.
- Prüfen Sie, dass das Messgerät senkrecht steht und vollständig stabilisiert ist. Halten Sie es nicht mit der Hand, sofern die Anleitung Ihres Modells das nicht ausdrücklich vorsieht.
- Lassen Sie den Messwert sich stabilisieren.
- Notieren Sie den Sturzwert für das linke Vorderrad.
- Wiederholen Sie das für das rechte Vorderrad.
Beispielwerte. Sturz vorn links: -0,8°. Sturz vorn rechts: -2,1°. Differenz: 1,3°. Die Differenz ist erheblich und deutet auf ein Fahrwerksproblem auf der rechten Seite hin.
So deuten Sie Sturzdifferenzen
| Seitliche Differenz | Bewertung |
|---|---|
| 0,0° bis 0,3° | Sehr gut, Fahrwerk wahrscheinlich in Ordnung |
| 0,3° bis 0,5° | Akzeptabel, geringe Abweichung |
| 0,5° bis 1,0° | Möglicher Fahrwerksverschleiß oder leichter Schaden |
| Mehr als 1,0° | Deutlicher Hinweis auf einen Fahrwerksschaden |
Häufige Ursachen: verbogener Querlenker, verbogenes Federbein, verschlissene Buchsen, verbogener Achsschenkel, verschobener Hilfsrahmen, Sturzeinstellung außerhalb der Vorgabe sowie Unfall- oder Aufprallschäden.
Warum vor dem Anheben gemessen wird
Den Sturz zu messen, während das Fahrzeug mit vollem Gewicht steht, zeigt die wahre Betriebsgeometrie. Bei angehobenem Fahrzeug hinge das Fahrwerk frei, die Last fiele weg und Vermessungsprobleme blieben verborgen. Diese Ausgangswerte bestätigen später, ob sichtbarer Bauteilverschleiß mit den Auffälligkeiten der Vermessung zusammenpasst.
Schritt 4: Fahrzeug vorn anheben und Fahrwerksteile prüfen
Sobald die Sturzmessung gezeigt hat, ob eine geometrische Schieflage vorliegt, folgt als Nächstes die direkte Prüfung der Fahrwerksteile, um die körperliche Ursache zu finden.
Fahrzeug sicher anheben und abstützen
- Setzen Sie einen Rangierwagenheber an dem vom Hersteller vorgesehenen vorderen Aufnahmepunkt auf einer Fahrzeugseite an.
- Heben Sie diese Seite langsam an, bis das Rad frei ist.
- Setzen Sie einen Unterstellbock sicher an der vorgesehenen Aufnahme dieser Seite an.
- Lassen Sie den Wagenheber ab, bis das Fahrzeug sicher auf dem Unterstellbock ruht.
- Wiederholen Sie das auf der gegenüberliegenden Vorderseite.
Sicherheit: Verlassen Sie sich niemals allein auf den Wagenheber. Stellen Sie sicher, dass das Fahrzeug auf beiden Unterstellböcken stabil steht, bevor Sie weitermachen.
Vorderräder abnehmen (empfohlen)
Abgenommene Räder geben besseren Zugang und Sicht auf die Fahrwerksteile und erlauben eine gründlichere Prüfung der tragenden Bauteile.
Querlenkerbuchsen prüfen
Querlenkerbuchsen erlauben die Fahrwerksbewegung und halten dabei die Geometrie. Verschlissene Buchsen lassen zu viel Bewegung zu, und das verändert Sturz- und Nachlaufwinkel. Achten Sie auf: rissiges Gummi, eingerissenes oder abgelöstes Gummi, Versprödung und zu viel Spiel. Gesunde Buchsen sollten unversehrt und fest verbunden aussehen.
Traggelenke prüfen
Traggelenke erlauben dem Fahrwerk zu schwenken und tragen dabei das Fahrzeuggewicht. Verschleiß am Traggelenk wirkt sich direkt auf Sturz und Lenkstabilität aus. Achten Sie auf: eingerissene Staubmanschetten, austretendes Fett, Rostbefall und zu viel Spiel.
Spurstangenköpfe prüfen
Spurstangen verbinden das Lenkgetriebe mit den Rädern und halten die Lenkgeometrie. Verschlissene Spurstangen lassen das Rad sich unabhängig vom Lenkeinschlag bewegen. Achten Sie auf: eingerissene Manschetten, austretendes Fett, lose Gelenke und mechanische Beschädigung.
Federbeine und Stoßdämpfer prüfen
Federbeine und Stoßdämpfer steuern die Fahrwerksbewegung und halten den Reifen auf der Straße. Achten Sie auf: Ölaustritt entlang der Kolbenstange, verbogenes Federbeingehäuse, mechanische Beschädigung und lose Befestigungspunkte. Ölaustritt zeigt einen defekten inneren Dichtring an. Verbogene Federbeine wirken sich direkt auf den Sturzwinkel aus.
Schritt 5: Fahrwerk auf mechanisches Spiel prüfen
Nachdem die Sturzausgangswerte stehen und die Fahrwerksteile sichtgeprüft sind, prüfen Sie auf mechanisches Spiel, also unerwünschte Bewegung zwischen Fahrwerks- und Lenkungsteilen, die eigentlich fest sein sollten. Jedes Spiel lässt das Rad unter Last seine Lage verändern und wirkt sich direkt auf Sturz, Nachlauf und Spur aus.
Test auf senkrechtes Spiel: der 12-und-6-Uhr-Test
Dieser Test prüft vor allem den Zustand von Traggelenken und Radlagern.
- Stellen Sie sich vor das Rad.
- Legen Sie eine Hand oben an den Reifen (Position 12 Uhr).
- Legen Sie die andere Hand unten an den Reifen (Position 6 Uhr).
- Drücken Sie mit der einen Hand kräftig nach innen und ziehen Sie mit der anderen nach außen.
- Wechseln Sie zwischen Drücken und Ziehen, um Bewegung zu spüren.
Normal: Das Rad fühlt sich fest und massiv an, ohne spürbare Bewegung oder Klicken.
Auffällig: Jede spürbare Bewegung oder ein Klicken kann auf verschlissene Traggelenke, verschlissene Radlager oder lose Fahrwerksbefestigungen hindeuten.
Wie senkrechtes Spiel mit dem Sturz zusammenhängt
Wenn Sie in Schritt 3 eine Sturzdifferenz gesehen haben und beim 12-und-6-Uhr-Test senkrechtes Spiel vorhanden ist, haben Sie die Ursache wahrscheinlich gefunden. Verschleiß am Traggelenk ist eine der häufigsten Ursachen für instabilen Sturz, weil Traggelenke das Rad senkrecht und seitlich führen. Lose Traggelenke oder Radlager lassen das Rad unter Last aus seiner vorgesehenen Lage wandern.
Test auf waagerechtes Spiel: der 3-und-9-Uhr-Test
Dieser Test prüft vor allem den Zustand von Spurstangen und Lenkungsteilen.
- Legen Sie eine Hand links an den Reifen (Position 9 Uhr).
- Legen Sie die andere Hand rechts an den Reifen (Position 3 Uhr).
- Drücken Sie mit der einen Hand nach innen und ziehen Sie mit der anderen nach außen.
- Wechseln Sie den Druck und beobachten Sie die Bewegung.
Normal: Das Rad fühlt sich fest und stabil an, ohne freies Spiel.
Auffällig: Bewegung kann auf verschlissene innere oder äußere Spurstangen oder ein loses Lenkgetriebe hindeuten. Spurstangen wirken sich vor allem auf die Spur aus, nicht auf den Sturz.
Schritt 6: Buchsen mit dem Montierhebel unter Last prüfen
Buchsen versagen oft innen, ohne dass man es von außen sieht. Auch wenn sie äußerlich unversehrt wirken, kann das Gummi im Inneren weich geworden, gerissen oder abgelöst sein. Das lässt unter Last zu viel Bewegung zu und wirkt sich direkt auf die Sturz- und Nachlaufstabilität aus. Der Lasttest mit dem Montierhebel bildet die Kräfte nach, die im Fahrbetrieb auf die Fahrwerksteile wirken.
So führen Sie den Buchsen-Lasttest durch
Mit dem Fahrzeug sicher auf Unterstellböcken:
- Suchen Sie die Querlenkerbuchsen dort, wo der Querlenker mit dem Fahrzeugrahmen verbunden ist.
- Setzen Sie einen Montierhebel zwischen Querlenker und Rahmen oder Aufnahmepunkt an.
- Üben Sie mäßigen, gleichmäßigen Druck aus, um die Buchse zu belasten.
- Beobachten Sie, wie weit sich der Querlenker gegenüber dem Rahmen bewegt.
Hinweis: Wenden Sie keine übermäßige Kraft an. Mäßiger Druck reicht aus, um verschlissene Buchsen zu erkennen.
Normal: Sehr wenig Bewegung, fester Widerstand, gleichmäßig geführte Bewegung.
Verschlissene oder defekte Buchse: Zu viel Bewegung, plötzliches Verrutschen, ein klackendes Geräusch oder lose, unkontrollierte Bewegung. Der Querlenker sollte sich nicht frei bewegen lassen.
Wenn Schritt 3 eine Sturzdifferenz gezeigt hat und dieser Test verschlissene Buchsen offenlegt, haben Sie die mechanische Ursache bestätigt. Der Austausch verschlissener Buchsen stellt die richtige Fahrwerksgeometrie und die Stabilität der Vermessung wieder her.
Schritt 7: Nachlauf mit dem AutoSolo Sturz- und Nachlauf-Messgerät messen
Nachdem die Sturzwerte bestätigt und mechanisches Spiel geprüft ist, montieren Sie die Räder wieder und lassen das Fahrzeug auf Drehteller ab. Zentrieren Sie die Lenkung erneut und lassen Sie das Fahrwerk sich setzen, bevor Sie den Nachlauf messen.
Nachlauf ist die Neigung der Lenkachse nach vorn oder hinten, von der Seite auf das Fahrzeug gesehen. Er spielt eine entscheidende Rolle für Lenkstabilität, Geradeauslauf und die Rückstellung des Lenkrads in die Mitte.
Warum die Nachlaufmessung entscheidend ist
Der Nachlauf ist einer der aussagekräftigsten Werte, um verbogene Fahrwerksteile oder Strukturschäden zu erkennen, denn er lässt sich an vielen Fahrzeugen nicht einfach nachstellen. Weicht der Nachlauf zwischen den Seiten deutlich ab, deutet das fast immer auf verbogene oder verschobene Bauteile hin und nicht auf normalen Verschleiß.
Eine Nachlaufdifferenz kann verursachen:
- Ziehen des Fahrzeugs zu einer Seite
- Unruhige, schwammige Lenkung
- Schlechte Rückstellung des Lenkrads nach der Kurve
- Ungleicher Lenkkraftbedarf zwischen Links- und Rechtskurven
Häufige Ursachen: verbogener Querlenker, verbogenes Federbein, verbogener Achsschenkel, verschobener Hilfsrahmen und Strukturschäden durch Aufprall oder Unfall.
Benötigte Spezialausrüstung
Die Nachlaufmessung verlangt, dass sich die Räder leichtgängig nach links und rechts drehen lassen, während das Fahrwerk voll belastet bleibt. Dafür braucht es Drehteller oder gleichwertige reibungsarme Drehflächen:
- Drehteller aus der Werkstatt (bevorzugt)
- AutoSolo Auffahrrampen (empfohlene Alternative beim Arbeiten auf dem Boden)
- Drehteller eines Achsmessstands (wenn Sie einen Messstand nutzen)
Ablauf der Nachlaufmessung
Folgen Sie der Anleitung, die Ihrem konkreten AutoSolo Sturz- und Nachlauf-Messgerät beiliegt. Der grundsätzliche Ablauf:
- Stellen Sie sicher, dass das Fahrzeug auf Drehtellern steht.
- Prüfen Sie, dass das Lenkrad zentriert und mit dem ASSWH1 Halter gesichert ist.
- Befestigen Sie das AutoSolo Sturz- und Nachlauf-Messgerät nach Anleitung Ihres Modells am Rad.
- Drehen Sie das Lenkrad auf den Winkel, den Ihr Modell vorgibt.
- Nullen Sie das Messgerät.
- Drehen Sie das Lenkrad auf den entgegengesetzten vorgegebenen Winkel.
- Notieren Sie den Messwert.
Wiederholen Sie das für beide Vorderräder. Sehen Sie immer in der Anleitung Ihres Modells nach, wie montiert wird, welche Lenkwinkel gelten, in welcher Reihenfolge gemessen wird und wie die Werte zu lesen sind.
Beispielwerte. Nachlauf links: 6,5°. Nachlauf rechts: 4,2°. Differenz: 2,3°. Das ist eine erhebliche Differenz und deutet stark auf einen Fahrwerks- oder Strukturschaden auf der rechten Seite hin.
So deuten Sie Nachlaufdifferenzen
Der Nachlauf muss nicht auf beiden Seiten identisch sein. Viele Vermessungsvorgaben lassen bewusst eine kleine Nachlaufdifferenz zu, um die Fahrbahnwölbung auszugleichen: Straßen sind in der Mitte etwas höher, damit Wasser abläuft. Etwas mehr positiver Nachlauf auf der rechten Seite (in Ländern mit Rechtsverkehr) wirkt der Neigung des Fahrzeugs entgegen, zum Fahrbahnrand zu driften.
| Seitliche Differenz | Bewertung |
|---|---|
| 0,0° bis 0,5° | Normal, innerhalb der üblichen Toleranzen |
| 0,5° bis 1,0° | Übliche Werksvorgabe, in der Regel akzeptabel |
| Mehr als 1,0° | Zu viel, deutet auf einen Fahrwerksschaden hin, kann Ziehen oder Rückstellprobleme verursachen |
Eine Nachlaufdifferenz von mehr als 1,0° deutet fast immer auf ein verbogenes oder verschobenes Bauteil hin und nicht auf normalen Verschleiß.
Schritt 8: Fahrzeug rollen und Sturzmessung wiederholen, um die Stabilität zu prüfen
Wenn Sie den Sturz gemessen und die Fahrwerksteile geprüft haben, überprüfen Sie, ob das Fahrwerk seine Geometrie auch bei normaler Bewegung hält. Manche Fahrwerksprobleme zeigen sich erst, wenn das Fahrwerk belastet, entlastet oder sich natürlich setzen kann.
Auch wenn die ersten Sturzwerte akzeptabel aussehen, können verschlissene Buchsen, lose Gelenke oder verbogene Bauteile die Geometrie wandern lassen, sobald sich das Fahrzeug bewegt.
Ablauf
- Rollen Sie das Fahrzeug 30 bis 60 Zentimeter vor und lassen Sie es 1 bis 2 Minuten setzen.
- Setzen Sie das AutoSolo Sturz- und Nachlauf-Messgerät nach demselben Ablauf wie in Schritt 3 wieder an.
- Messen Sie den Sturz an beiden Vorderrädern erneut.
- Notieren Sie die Werte und vergleichen Sie sie mit Ihren ursprünglichen Werten aus Schritt 3.
So deuten Sie das Ergebnis
Gleichbleibend (innerhalb 0,2° bis 0,3°): Das Fahrwerk ist stabil. Die Bauteile halten die Vermessung.
Verändert (mehr als 0,5°): Deutet auf verschlissene Querlenkerbuchsen, lose Traggelenke, lose Befestigungspunkte, verbogene Fahrwerksteile oder eine instabile Struktur hin. Vor der Vermessung sind Reparaturen nötig.
Wenn sich die Sturzwerte nach dem Rollen ändern, bestätigt das, dass Fahrwerksteile unerwünschte Bewegung zulassen und repariert werden müssen.
Schritt 9: Einfedertest zur Beurteilung von Stoßdämpfern und Dämpfung
Stoßdämpfer und Federbeine steuern die Fahrwerksbewegung und stabilisieren das Fahrzeug nach Bodenwellen, Kurven und Bremsungen. Zwar legen Dämpfer Sturz und Nachlauf nicht direkt fest, aber sie sind entscheidend dafür, dass der Reifenkontakt gleichmäßig bleibt und die Fahrwerksgeometrie stabil ist. Verschlissene Dämpfer lassen zu viel Bewegung zu, was zu unruhigem Fahrverhalten und schwankenden Vermessungswerten führt.
Ablauf
- Stellen Sie sich an die vordere Ecke des Fahrzeugs.
- Legen Sie beide Hände fest auf den Kotflügel, die Haubenkante oder die vordere Ecke über dem Rad. Alternativ stützen Sie ein Knie auf eine Ecke der Stoßstange, um Hebelkraft zu bekommen.
- Drücken Sie kräftig nach unten, um das Fahrwerk einzufedern.
- Lassen Sie schnell los und beobachten Sie, wie das Fahrzeug reagiert.
Wiederholen Sie das an beiden vorderen Ecken und danach auch an den hinteren.
So sollte das Fahrzeug reagieren
Normal: Das Fahrwerk kommt einmal ganz leicht über seine normale Ruhelage hoch, kehrt in die Normallage zurück und schwingt nicht nach.
Verschlissene Stoßdämpfer: Das Fahrzeug federt mit mehreren Schwingungen weiter, bevor es zur Ruhe kommt, oder zeigt eine langsame, unkontrollierte Rückkehr.
Verschlissene Dämpfer verursachen zwar keine Sturzdifferenz, aber sie lassen zu viel Fahrwerksbewegung zu, was im Fahrbetrieb zu schwankender Vermessung, geringerer Stabilität, ungleichmäßigem Reifenverschleiß und schlechtem Fahrverhalten führt.
Der vollständige Ablauf im Überblick
Wenn Sie diesen vollständigen Ablauf Schritt für Schritt befolgen, können Sie Fahrwerksprobleme selbst mit Handwerkzeugen diagnostizieren, ganz ohne teure computergestützte Vermessungstechnik.
| Schritt | Handlung |
|---|---|
| 1 | Fahrzeug vorbereiten. Räder und Reifen prüfen, auf einer ebenen Fläche und wenn möglich über Drehtellern parken, kurzen Einfedertest als Vorprüfung machen, Reifendruck angleichen, übliche Beladung nachstellen, Lenkung mit dem AutoSolo ASSTL1 zentrieren und mit dem ASSWH1 sichern. |
| 2 | Fahrzeughöhe messen an allen vier Ecken, um eine Feder- oder Strukturschieflage zu erkennen (nur seitenweise vergleichen). |
| 3 | Sturz messen mit dem AutoSolo Sturz- und Nachlauf-Messgerät, um bei vollem Fahrzeuggewicht eine Fahrwerksasymmetrie zu erkennen. |
| 4 | Anheben und sichtprüfen der Fahrwerksteile auf Verschleiß oder Schäden, eine Ecke nach der anderen. |
| 5 | Auf mechanisches Spiel prüfen an Traggelenken (12-und-6-Uhr-Test), Spurstangen (3-und-9-Uhr-Test) und Radlagern. |
| 6 | Lasttest mit dem Montierhebel durchführen, um verschlissene Querlenkerbuchsen zu finden, die die Sichtprüfung bestehen, unter Last aber versagen. |
| 7 | Räder montieren, auf Drehteller ablassen und Nachlauf messen mit dem AutoSolo Sturz- und Nachlauf-Messgerät. |
| 8 | Fahrzeug rollen und Sturzmessung wiederholen , um die Stabilität des Fahrwerks in Bewegung zu bestätigen. |
| 9 | Einfedertest durchführen , um den Zustand von Stoßdämpfern und Dämpfung an allen vier Ecken zu beurteilen. |
Warum dieser Ablauf funktioniert
Viele Fahrwerksprobleme lassen sich mit einer Sichtprüfung allein nicht erkennen. Die Kombination aus Messung und Prüfung mit der Hand gibt Ihnen das vollständigste Diagnosebild.
- Sturzmessung. Erkennt eine Fahrwerksasymmetrie auch dann, wenn kein sichtbarer Schaden vorliegt. Sie ist das erste messbare Zeichen der meisten Fahrwerksprobleme.
- Nachlaufmessung. Legt strukturelle Schieflagen offen. Anders als beim Sturz deutet eine Nachlaufdifferenz fast immer auf ein verbogenes oder verschobenes Bauteil hin und nicht auf normalen Verschleiß.
- Prüfung auf mechanisches Spiel. Bestätigt, ob Traggelenke, Spurstangen und Radlager unerwünschte Radbewegung zulassen, die die Vermessung unter Last verändert.
- Buchsen-Lasttest. Legt inneres Versagen von Buchsen offen, das bei der Sichtprüfung unsichtbar bleibt, sich im Fahrbetrieb aber direkt auf die Stabilität der Vermessung auswirkt.
- Sturzmessung nach dem Rollen wiederholen. Der entscheidende Test für die Stabilität der Bauteile. Er bestätigt, ob das Fahrwerk die Vermessung hält oder sich unter realer Bewegung verschiebt.
So erkennen Sie den Unterschied
Wenn Sturz- oder Nachlaufwerte zwischen linker und rechter Seite deutlich abweichen, kann die Ursache entweder eine Frage der Einstellung oder ein mechanisches Fahrwerksproblem sein. Diesen Unterschied zu verstehen ist entscheidend. Ein Fahrzeug mit defektem Fahrwerk lässt sich nicht vermessen.
Vermessungseinstellungen wirken vor allem auf die Spur, die über die Spurstangen eingestellt wird. Bei Fahrzeugen mit eingebauten Verstellpunkten (Exzenterschrauben oder einstellbare Lenker) lässt sich auch der Sturz über die Vermessung korrigieren. Viele Fahrzeuge haben ab Werk allerdings keine Sturz- oder Nachlaufverstellung.
Fahrwerksprobleme betreffen vor allem verschlissene, lose oder verbogene Bauteile, die sich durch eine Vermessung allein nicht beheben lassen. Deutliche Sturz- oder Nachlaufunterschiede an einem Fahrzeug ohne Verstellpunkte deuten meist auf einen Bauteilschaden hin.
So bestätigen Sie den Unterschied. Messen Sie den Sturz, rollen Sie das Fahrzeug vor, damit sich das Fahrwerk setzt, und messen Sie dann mit dem AutoSolo Sturz- und Nachlauf-Messgerät erneut. Bleiben die Werte gleich, ist das Fahrwerk stabil und eine Vermessung kann das Problem lösen. Ändern sich die Werte nach dem Rollen, muss ein mechanischer Defekt vor der Vermessung repariert werden.
Kurzübersicht: Was prüfen, wenn Winkel abweichen
Wenn der Sturz abweicht
- Zuerst die Fahrzeughöhe prüfen
- Federn auf Setzen prüfen
- Nach verschlissenen Querlenkerbuchsen sehen
- Auf verbogene Federbeine oder Achsschenkel prüfen
- Lage des Hilfsrahmens prüfen
- Sturzverstellung prüfen, falls vorhanden
Wenn der Nachlauf abweicht
- Nach verschlissenen Querlenkerbuchsen sehen
- Auf Unfallschäden prüfen
- Federbeinlager prüfen
- Lage des Hilfsrahmens prüfen
- Auf Zubehörteile prüfen, die die Geometrie verschieben
